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Warum Kunstgeschichte, jetzt?


Denken Sie mir uns über die Frage „Warum Kunstgeschichte, jetzt?“ nach!

In der Pandemie werden Werte neu verhandelt, und es ist oft erstaunlich, was zählt und was nicht. Welche Rolle hat Kunstgeschichte, jetzt? Diese Fragen haben sich die Dozierenden des Kunstgeschichtlichen Instituts in diesem Winter gestellt. Die Antworten fallen verschieden aus, und eben das regt zu Diskussionen an. Es gibt nicht die eine, richtige Antwort. Weitere Antworten wären interessant, zum Beispiel von denen, die mit dem Studium anfangen oder denen, die ihre Abschlussarbeit fertigstellen. Jeder und jede ist in einer anderen Situation und bewertet das Fach auf seine oder ihre Art. Was denken Sie?

Beitrag von Hans W. Hubert, Anfang 2021


Hans W. Hubert: Warum Kunstgeschichte jetzt?

Was ist das für eine Frage? Ich verstehe sie nicht. Als ob es vor Covid19 keine Kunstgeschichte gegeben hätte, als ob Corona der Weltuntergang wäre, dem mit Kunstgeschichte beizukommen wäre, und was käme dann danach? Das viel beschworene „Ende der Kunstgeschichte“? Für mich ist die Frage falsch gestellt, denn sie evoziert unstimmige Vorstellungen: Corona ist eine äußert lästige, für manche tödliche, aber im Ganzen zum Glück eben eine vergleichsweise harmlose Pandemie - man denke an Pest oder Ebola – und: Kunstgeschichte ist kein Antiserum oder psychologischer Balsam, das einem darüber hinweghelfen könne. Wir fragen ja auch nicht: Warum Mathematik, Mikrosystemtechnik oder BWL - jetzt? Kunstgeschichte ist eine Wissenschaft. Sie ist wesentlicher Bestandteil einer umfassenderen Kulturgeschichte, welche Literatur, Philosophie, Musik, Theologie, Politik, Geschichte und anderes mehr umfasst. Und – ungeachtet des Eindrucks, den manche öffentlichen Verlautbarungen hervorrufen – sollte man sich darüber klar sein, dass Kunstgeschichte wichtig ist - natürlich. Auf vieles von dem, was heute als systemrelevant deklariert wird, konnte ich schon mein Leben lang verzichten, denn in meinem System, kam und kommt es gar nicht vor. Für mein System ist Kunstgeschichte dagegen relevant, höchst relevant sogar. Ich kann nicht etwas entsagen, das ich seit Jahrzehnten tagaus tagein betreibe, das mir Lebenselixier geworden ist. Und zum Glück muss ich – müssen wir – das auch nicht. Die Rahmenbedingungen haben sich verändert. Universitäre Lehre im Online-Format bietet zwar auch überraschende Vorteile, aber auf Dauer ist es auch systemrelevant mit echten Menschen auf herkömmliche, d.h. nicht digitale Weise kommunizieren zu können. Für mich kann die Antwort auf die Frage, „warum Kunstgeschichte jetzt“ nur lauten: weil Kunstgeschichte schon zuvor und auch danach, weil Kunstgeschichte immer. :-)

 

Beitrag von Angeli Janhsen, Anfang 2021


Angeli Janhsen: Warum Kunstgeschichte, jetzt?

Aktuell, im Februar 2021, gibt es wegen Corona viele Einschränkungen. Viele Menschen sind betroffen und desorientiert. Die Museen und Theater und Kinos sind seit Monaten geschlossen, Kunst gilt als Freizeitvergnügen, nicht als „systemrelevant“. Wohl jeder fragt sich gerade jetzt, warum man was eigentlich wichtig findet – und was Freiheiten und Beschränkungen bedeuten. Für mich als Kunsthistorikerin ist die Frage: Warum Kunst und warum Kunstgeschichte, gerade jetzt?

Aktuell braucht man Selbstbewusstsein und Techniken, um sich gut zu tun. Kunst- und Museumsbesuche sind seit Jahren für immer mehr Menschen eine Möglichkeit, auszusteigen und Schönes zu erfahren, wie Wellness. Als Kunsthistorikerin, als Fachfrau, möchte ich die heute üblichen touristischen, oft oberflächlichen, oft naiven, eitlen, irgendwie hilflosen Besuche nicht abwerten: Museumsbesucher wissen doch, dass das alltägliche Leben nicht reicht! Sie blicken über das Pragmatische, Alltägliche hinaus. (Hatte früher nicht die Kirche diese Funktion?) Ein wichtiger Grund für Kunstgeschichte ist, finde ich, dass viele Menschen sich etwas Sinnvolles von Kunst erwarten, oft sind solche Erwartungen eher vage. Kunsthistoriker können hier Welten öffnen. Gerade bei neuer Kunst ist es nötig, neue Kriterien zu diskutieren. Wer vielleicht aus Langeweile ins Museum gegangen war, erfuhr vielleicht etwas Unerwartbares, verstand vielleicht etwas Unerwartbares, erweiterte seinen Horizont und wurde großzügiger, vielleicht klüger, vielleicht besser?

Aber ein solcher „didaktischer“ (therapeutischer? missionarischer?) Ansatz reicht nicht als Begründung für Kunstgeschichte. Um Kunst zu „vermitteln“, müssen Kunsthistoriker ja erst einmal selbst wissen, warum sie Kunstgeschichte machen. Kunstgeschichte prägt die Kunsthistoriker selbst.

Mir jedenfalls hilft die Kenntnis von Minimal Art, von Stilleben und von Landschaftsbildern beispielsweise grade jetzt, bei den Beschränkungen der Pandemie. Ich halte viel von Achtsamkeit, vom Naheliegenden, ich halte viel davon zu sehen, was da ist, auch jetzt. Das heißt im Moment vielleicht, bewusst Tee zu trinken, die Landschaft bewusst zu erfahren. Die Achtsamkeit, die man von Kunst lernen kann, hat Konsequenzen: Man beobachtet die Vögel, man schätzt den Alltag. Auch die Kenntnis neuer performativer Kunst hilft mir jetzt, macht mich aufmerksam. Im Moment gibt es zwar keine Aufführungen und kein Theater, aber meine Nachbarn haben einiges zu bieten. Jeder ist verrückt auf seine Art. (Man selbst nicht ausgenommen.) Ich hoffe eigentlich, dass der Umgang mit Kunst generell nicht nur Aufmerksamkeit, sondern auch Toleranz stärken kann. Aber vielleicht sind hier Ursachen und Wirkungen schwer zu trennen?

Aber auch dieser etwas egoistische Pragmatismus reicht natürlich nicht. Ohne Kunst kann man gut leben, mit Kunst vielleicht hier und da besser – aber was ist das eigentlich wichtige Plus mit Kunst? Denn viele kommen ja ohne Kunst aus, zum Beispiel die grade viel gelesene Weltgeschichte von Yuval Noah Harari. Für ihn ist alles Mögliche wichtig, aber Kunst ist ihm bedeutungs- oder folgenlos. Historiker denken vielleicht eher in Helden oder Kriegen oder Geld? Und das neue Buch von Vittorio Hösle, „Kritik der verstehenden Vernunft“, nennt mal ein bisschen Kunst, aber nur so viel, wie Bildungsbürger für wichtig halten. Er hätte es das Buch auch ohne Kunst schreiben können. Viele kluge Leute orientieren sich kaum an Kunst. Kunst scheint nicht nur für Politiker eher ein Wochenendvergnügen zu sein, etwas für Schöngeister, etwas für Wirklichkeitsferne. Sie nehmen das nicht so recht ernst. Aber Kunst ist nicht nur Illustration von Geschichte, nicht nur ein schönes Beispiel für Kommunikation. Kunst hat Geschichte und Kommunikation geprägt. Kunst kann einen anderen Blick auf Geschichte möglich machen oder andere Verständnismöglichkeiten eröffnen. Mithilfe von Kunstgeschichte versteht man Kunst als Zeugnis anderer Zeiten, anderer Arten zu verstehen.

Ikonologie versucht, mit Kunst deren Zeit zu verstehen. Ich jedenfalls habe vom 15. Jahrhundert in Florenz, von den Menschen dort und ihrer Art zu leben, viel von ihrer Kunst her verstanden. Kunstwerke machen mir andere Welten zugänglich, ich muss da gar nicht reisen. Man kann mit Kunst verstehen, wie anders Menschen sein können, wie anders sie denken und fühlen und eben verstehen können. Man ist anderen trotz aller Fremdheit nah, was für mich immer an ein Wunder grenzt. Und wenn man Kunstgeschichte so sieht, kann man kann sich vorstellen, dass die eigene Gegenwart nicht das einzige ist: Es gab eine ganz andere Vergangenheit, es wird eine ganz andere Zukunft geben. Es gibt ganz andere Menschen, alles könnte anders sein. Das ist befreiend.

Man versteht die eigene Zeit, wenn man zeitgenössische Kunst sieht. Ich verstehe „Individualismus“, „Selbstoptimierung“, „Erinnerung“ und vieles mehr von zeitgenössischer Kunst her (und ich bin sicher, dass wir heute, wenn wir Individualisten sein wollen, eigentlich das klassische Modell des Künstlers zum Modell nehmen, dass Kunst also heute überhaupt eine Orientierung geworden ist). Die eigene Zeit zu verstehen ist etwas ganz anderes als die Vergangenheit zu verstehen: Man hat weniger Abstand, ist zu involviert und interessiert, um objektive Diagnosen zu stellen, man ist vielleicht zu betroffen. Und gerade bei zeitgenössischer Kunst werden die Grenzen zwischen Kunst und Nicht-Kunst programmatisch verwischt. Die mit neuer Kunst mögliche Selbstreflexion ist ein großes Plus, weil man eigene Standards in Frage stellen muss, wie wenn man in einen unerwartet funktionierenden Spiegel sieht.

Ich kenne ein paar Kunsthistoriker, die von Kunst her die Welt verstehen: Wer von Kunst besessen ist, versteht von Kunst her alles. (Ähnliches gilt auch für jeden Kaninchenzüchter, jeden Fußballfan und jeden anderen Besessenen, jedem Amateur, der eben von seinem Interesse her die ganze Welt versteht. Wer etwas liebt, nimmt es als Modell für alles. Letztens habe ich gelesen, was Bernd Heinrich zu Raben schreibt oder Henri Fabre zu Spinnen. Sicher gibt es Menschen, die sind fasziniert von Sternen oder ihrem Garten oder ihrem Auto oder Fußball. Es geht mir nicht um das Bewerten solcher Interessen oder gar um Bewertungen solcher Besessenheiten. Jedenfalls suchen doch alle das Unerwartete, jedenfalls ist ihnen das, was sie lieben, ein Modell für’s Leben, jedenfalls verstehen sie von daher die Welt. Solche glücklichen Spezialisten sind mir lieb, gerade weil sie nicht „normal“ sind.)

Wir sind heute alle spezialisiert. Vielleicht sind Kunsthistoriker aber auf das Nicht-Erwartbare spezialisiert, auf Kunst eben. Kunsthistoriker müssen nicht von hier aus alles beherrschen und erklären, es wäre schon ein Gewinn, das Interesse am Anderen, am nicht beherrschbaren, offenhalten. (Mir jedenfalls gefällt das Unerwartete, quasi Zweckfreie an Kunst – und Kunsthistorikern. Erst einmal sind alle, die sich für Kunstgeschichte interessieren, freiwillig da, auch unsere Studierenden. Es war ja unwahrscheinlich, dass man mit Kunst reich wurde und einflussreich oder was man sonst so anstreben konnte.) Fehlender Pragmatismus und eine solche Konzentration auf das Unerwartbare sind gerade heute wichtig.

Die gestellte Frage „Warum Kunstgeschichte, jetzt?“ ist also keine einfache Frage: Wenn man weiß, warum Kunstgeschichte, muss man auch wissen, warum Kunst – und wenn man weiß, warum Kunst, weiß man auch, wer man ist und wo man ist und was man was will.

Kunst garantiert eher als vieles andere angenehme Gesellschaft. Wer mit Kunst zu tun hat, hat oft mit Menschen zu tun, die frei sind. Künstler sind vielleicht Menschen mit größten Ansprüchen, die ihre Ansprüche jenseits von vorgezeichneten Wegen verwirklichen? Ich weiß, dass das ein romantisches Ideal ist, eine Fiktion – aber sie gefällt mir. Kunsthistoriker haben selbst auch oft Freiheiten. Wissenschaftler sind besonders privilegiert. Die Notwendigkeit, auch Ungeliebtes zu wissen, sehen Studierende vielleicht erst nach dem Studium, wo sie ihre Interessen vergleichsweise frei verfolgen können. Vielleicht sieht man erst bei einem Auslandsaufenthalt oder bei Kollegen, mit denen man zusammenarbeiten muss, dass man ganz unerwartete Bereiche der Kunstgeschichte schätzen kann. (Ich jedenfalls habe einen Zugang zu Pontormo oder Veronese oder zu klassizistischer Architektur in Paris oder zu römischen Barockkirchen erst spät, über andere, bekommen.) Man sieht, dass die echten Interessen der anderen eine Bereicherung sind, man ist ja auch deshalb befreit, weil sie ihre Interessen ja verfolgen. (Es erleichtert einen ja auch, in Konzerten Könner zu hören, eben darum, weil sie das können, was man selbst nicht kann, man ist wie befreit.) Man hat nicht den Anspruch, alles machen zu müssen – man sieht eher, dass das jeweilige Selbstbewusstsein von verschiedenen Akteuren etwas bringt, jeder ist da nur ein Teil des Ganzen.

Die Kunst, die ich behandeln konnte, habe ich immer deshalb behandelt, weil sie mich anging, weil ich sie verstehen wollte. Wie man auf sowas kommen konnte! Bei Piero della Francesca war es die berechnete Unberechenbarkeit: Gerade wer Gesetze kennt, kann sie überschreiten (gefährliche Gedanken). Bei Dürer war es das Bestehen auf die Regeln im Chaos (auch nicht unproblematisch). Bei der Wallfahrtskirche in Neviges von Gottfried Böhm war es das verrückte Verhältnis von Einzelnen und Gemeinschaft, der seltsam zeitgenössische Begriff von Kirche. Ich habe mich immer neu gewundert: Wie konnte Piet Mondrian so unbeirrt wirklich glauben, die Welt zum Besseren zu wenden! Von Richard Serra habe ich eine besondere Aufmerksamkeit für Schwerkraft und Orte gelernt, von Donald Judd die große Klarheit und Konsequenz. Bei Christian Boltanski war die Aufmerksamkeit für einzelne Menschen wichtig, bei Marina Abramović Pathos, bei George Brecht Lakonisches. Von Joseph Beuys habe ich viel gelernt, von Franz Erhard Walther, von Jochen Gerz, von Tino Sehgal. Damit meine ich nicht die Personen, obwohl die auch wichtig sind. Ich meine die Werke, das, was die im Leben interessiert. Ich kann und will das gar nicht aufzählen. Wichtig ist, dass das alles nicht vorhersehbar war und nicht vergleichbar ist. Und ich will annehmen, dass andere Menschen von anderen Kunstwerken getroffen sind, von anderen Ausstellungen, dass ihnen andere Lichter aufgingen, mit Kunst. Viele Erkenntnisse kommen von Kunst, vieles liebt man wegen Kunst. (Das gilt für Einzelne, das gilt aber auch für ganze Kulturkreise. Wäre Freiburg ohne den Münsterturm nicht anders geworden?)

Manche Erkenntnisse kann man Eltern zuschreiben, manche verbindet man Lehrern, mit Freunden. Es gibt Situationen, die einen verändert haben. Manchmal weiß man, dass einem ein Bild oder ein Buch das Leben bestimmt und vielleicht geändert hat. Rainer Maria Rilke muss so etwas meinen, wenn er einen antiken Torso sagen lässt: „Du musst dein Leben ändern!“ Wenn man alles ausradieren müsste, was man von Kunst her verstanden hat – was würde überhaupt übrigbleiben? Und wer vieles gesehen hat, erwartet sich ja noch viel mehr.

Manchmal bringt Kunst plötzlich Ordnung ins Chaos. In der Kunst erscheint vielleicht etwas als Einfaches, Klares, so wie manchmal Menschen einen Begriff für etwas haben, wo man selbst sprachlos war. Manchmal hält Kunst etwas fest, von dem man dachte, man kann es nicht fassen, es nicht sagen, es sowieso nicht kontrollieren, aber eben es nicht einmal irgendwie wissen – und dann ist es da, gefasst von jemandem, der in dem Bereich viel klüger ist als man selbst.

Aber Kunst ist kein Erziehungsprogramm. Ist Kunst ist das, was ihren Betrachtern gefehlt hat? Man kann als Kunsthistoriker vielleicht sagen, was gefehlt hat, man kann es anderen mindestens zeigen?

Die Menschen, die ohne Kunst und Kunstgeschichte auszukommen scheinen, sind in der Mehrheit, und sie sind absolut respektabel. Manchem ist Kunst nie begegnet, mancher verzichtet bewusst. Ich könnte auch auf Kunst verzichten, so wie ich aktuell in der Pandemie auf vieles verzichte, was mir wichtig ist. Jemand, der existenzielle Probleme hat, braucht anderes, bevor er an Kunst überhaupt denken kann. Luxus ist Kunst deswegen nicht. Die Sehnsucht nach Unerwartetem ist für Menschen doch wichtig? Selbstzufriedenheit ist doch schrecklich? Wie kommt man überhaupt aus Krisen heraus, wenn man nicht weiterdenken kann?

Meine Erfahrung ist: Kunst erweitert und befreit, man ändert sich im Umgang mit Kunst, zum Besseren. Das gilt für Kunsthistoriker, das gilt für Kunstinteressierte, das gilt potentiell für jeden. Gerade in der jetzigen Krise sehe es als die Aufgabe der Kunstgeschichte, die Bedeutung von Kunst deutlich zu machen, jetzt erst recht. Wer Kunst liebt, kann Anderes lieben (und nicht nur sich selbst), kann anerkennen, wie wichtig Anderes ist, Unvorhergesehenes, Schönheit, Geglücktes, Bemühen. Selbst jetzt geht es ja nicht nur um‘s Überleben. Menschen verstehen viel mehr.

 

Beitrag von Andreas Plackinger, Anfang 2021


Andreas Plackinger: Warum Kunstgeschichte, jetzt?

Mit der Arbeit als Kunsthistoriker oder Kunsthistorikerin rettet man in Pandemiezeiten zweifellos keine Menschenleben. Allerdings gilt diese wenig verblüffende Einsicht auch für die Zeiten vor und nach Covid19. Mit medizinischer Versorgung oder Lebensmittelversorgung konkurrieren zu wollen kann daher auch gar nicht Anspruch unserer Tätigkeit sein. „Ist Kunstgeschichte systemrelevant oder nicht?“ wäre somit die falsche Frage. Denn diese Frage impliziert die Antwort bereits und könnte nur auf die Folgerung hinauslaufen: „Kunstgeschichte ist nicht systemrelevant, also ist Kunstgeschichte jetzt nicht wichtig“. Und das wäre in etwa das Gegenteil meiner derzeitigen Wahrnehmung der Dinge. Denn kaum je schien mir meine Tätigkeit als Kunsthistoriker sinnvoller als gerade jetzt.
Warum und wie leisten wir einen Beitrag für die Gemeinschaft, wenn wir beispielsweise Archivdokumente zu einem vergessenen Pariser Bildhauer der Zeit um 1800 sichten oder in einem Seminar über spanische Malerei nachdenken? Meines Erachtens umfasst die Antwort auf diese Frage unterschiedliche Aspekte, die auf das engste miteinander verknüpft sind. Ich möchte versuchen sie hier im Folgenden ein wenig zu ordnen (Man möge mir im Folgenden nachsehen, wenn sich in den Text das abgeschmackte rhetorische Stilmittel emphatischer Wiederholung einschleicht).

Die Beschäftigung mit der Kunstgeschichte ist zunächst einmal deswegen wertvoll, weil sie uns daran erinnert, dass es noch andere Dinge gibt als Inzidenzwerte, Virusmutationen, Engpässe bei Impfstoffen, Ausgangsbeschränkungen, Alltagsmasken usw. Wenn die Welt um uns herum untergeht und wir uns trotzdem mit Kunstgeschichte befassen, sind wir keine eskapistischen Träumer. Die Tatsache, dass wir uns mit gotischen Kathedralen, italienischen Cinquecento-Gemälden, Bauhaus-Design oder was auch immer auseinandersetzen, zeigt vor allem eines: dass die Welt eben nicht untergeht! Die eigene Arbeit fortzusetzen, mit Studierenden sowie Kolleginnen und Kollegen in Dialog zu stehen, trägt vielmehr dazu bei, ganz unaufgeregt Normalität zu leben und aufrecht zu erhalten. Il faut cultiver notre jardin. In Zeiten des Lockdowns ist das zweifelsohne wichtig. Während des ersten Lockdowns, als sich noch niemand einen Corona-Alltag vorstellen konnte, war es sogar noch wichtiger.
Möglicherweise täusche ich mich, aber mein Eindruck ist, dass Studierende selten so motiviert und diszipliniert an Seminaren teilnahmen wie in den letzten beiden Corona-Semestern. Und das obwohl der Filter Videokonferenz doch vieles weniger abwechslungsreich und in kommunikativer Hinsicht mühsamer gestaltet. Mir scheint das auf Freude hinzudeuten über ein Stück Normalität, nun, da in so vielen anderen Bereichen unseres Lebens Normalität außer Kraft gesetzt scheint. Ich persönlich jedenfalls freue mich jede Woche besonders auf die Seminare. Die (wenn auch nicht unmittelbare) Begegnung mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern meiner Lehrveranstaltungen sind fast schon Höhepunkte an Geselligkeit während der tyrannischen Herrschaft von Corona II.

In den letzten Wochen und Monaten, aber bereits zuvor, habe ich meine Arbeit als Kunsthistoriker immer auch als eine Tätigkeit mit politischer Dimension verstanden: Ich komme mit aufgeschlossenen, sehr unterschiedlichen, meist jungen, erwachsenen Menschen zusammen, die - wie wir alle - in ihrem Alltag einer Überflutung durch visuelle Eindrücke bei gleichzeitig immer stärker verkürzten Botschaften in den sogenannten sozialen Medien ausgesetzt sind. Wenn wir uns zusammen in einer Seminarsituation oder auf einer Tagung eine Stunde oder sogar länger mit ‚nur‘ einem oder zwei Bildern auseinandersetzen, üben wir eine Praxis des genauen, fragenden und reflektierenden Hinsehens ein, die nach meinem Verständnis eine Fähigkeit jedes mündigen Staatsbürgers sein sollte. Gerade bei der Beschäftigung mit historischen Artefakten und Bildwelten machen wir Fremdheitserfahrungen: Wir treffen auf ‚seltsame‘ visuelle und gesellschaftliche Konventionen oder Schönheitsideale und Narrative, die uns nicht selbstverständlich erscheinen. Diese Differenzerfahrung durch Kunstgeschichte erzeugt im besten Fall eine produktive Verunsicherung in Bezug auf unsere eigene Gegenwart. Historische Beispiele – denn zu ihnen besitzen wir im Regelfall eine hohe emotionale und intellektuelle Distanz – können uns in besonderer Weise exemplarisch aufzeigen, wie Bilder und Kunst beeinflussend, meinungsbildend und manipulierend eingesetzt worden sind. Damit schärfen wir unsere Wahrnehmung für derartige Mechanismen in unserer eigenen Lebenswirklichkeit. Visuelle Kompetenz und eine erhöhte Sensibilität für (Traditions- und rhetorische) Muster bzw. Pathosformeln sind heute mehr denn je notwendig, um nicht der Eigenlogik bildlicher oder bildlich unterfütterter und dadurch affizierend wirkender Diskurse aufzusitzen.
Wer kunsthistorische Phänomene (insbesondere der Vergangenheit) betrachtet, muss sich, wie gesagt, ferne und fremde Lebenswelten erschließen. Das ist Verpflichtung und Privileg zugleich und verlangt, die Ebene des Deskriptiven und des freien, oft anachronistischen Assoziierens zu verlassen und sich kontinuierlich, teils unter Anstrengung, fundiertes Sachwissen anzueignen. Doch wer sich dem unterzieht, wird reich belohnt. Denn er oder sie kommt bei der kunsthistorischen Auseinandersetzung mit einem bestimmten geschichtlichen Kontext zwangsläufig mit einem reichen Panorama auch anderer Bereiche menschlicher Kreativität in Berührung, unter anderem mit Literatur, Philosophie, Musik, Mode. Er oder sie wird dadurch ganz selbstverständlich in vielfältiger Weise mit Widersprüchen und Komplexität konfrontiert. Durch den Versuch der Rekonstruktion des „Wie es eigentlich gewesen ist“ und die Einsicht in die hermeneutische Unmöglichkeit der Realisierung dieses Versuchs werden zwei Dinge in uns wachgehalten: einerseits die Erkenntnis, dass die Losung anything goes ebensolcher Unsinn ist wie die Behauptung, es gäbe keine Fakten, und andererseits die konstruktive Skepsis gegenüber Interpretationsprozessen generell. Bei der oft kleinteiligen und mühsamen kunsthistorischen Recherchearbeit üben wir die Sortierung und Bewertung von Informationen ein: Welcher Perspektive ist eine Bild- oder Textquelle verpflichtet? Wie verlässlich ist ihr Informationswert tatsächlich? Indem wir als Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker derartige Fragen durch unsere Forschung und Lehre immer wieder neu aufwerfen, sichtbar halten und dadurch andere dafür sensibilisieren leisten wir wichtige Arbeit – eine Arbeit, die auch deswegen wichtig ist, weil sie sich stets von neuem in uns selbst vollzieht. Es ist eine Arbeit, die per se idealistisch und dem Konzept ‚Aufklärung‘ verpflichtet ist. Und Aufklärung wiederum ist, wie wir spätestens seit Adorno und Horkheimer verstanden haben, nicht irgendwann erfolgreich erkämpft und für alle Zeit dauerhaft als Zustand erreicht, sondern muss stets neu erstritten werden, um nicht abhanden zu kommen. Was hochtrabend klingen mag, ist in der Praxis genau das Gegenteil. Es ist eine täglich neu und mit Pragmatismus zu bewältigende Aufgabe, deren Erfüllung nicht immer glückt, aber oft beglückend ist. Auch hier gilt: Il faut cultiver notre jardin.
Bildkompetenz, fundiertes Wissen, ein waches Bewusstsein für Komplexität(en) und kritische Informationsauswertung sind unbestreitbar von größter Relevanz, derzeit und künftig. Eine Kunstgeschichte, die – und wäre es auch nur indirekt – dazu einen Beitrag leistet, erfüllt daher nicht nur in Pandemiezeiten eine wichtige Funktion. Genau deswegen Kunstgeschichte jetzt, gerade jetzt! Und später auch noch – denn ohne macht’s halt einfach keinen Spaß …

Andreas Plackinger

 

Beitrag von Anna Schreurs-Morét, Anfang 2021


Anna Schreurs-Morét: Warum Kunstgeschichte? …. im Januar 2021

Manchmal fühlt man sich wie von einem anderen Stern. Man blickt nach Amerika und sieht das heftige Wanken einer Demokratie in einem verhängnisvollen Strudel von Manipulationen und Unsicherheiten. Man schreckt, vor dem Hintergrund der ganz großen Probleme, nur noch kurz auf bei den Terroranschlägen, die Frankreich und Wien im Herbst bedrohten. Die existentielle Bedrohung des Klimawandels schließlich läuft Gefahr, in Vergessenheit zu geraten durch die Corona-Pandemie und ihre Folgen: In den Krankenhäusern kämpfen die Ärzte um Leben; um uns herum verlieren viele ihre Existenzgrundlage. Und wie viele SchülerInnen verlieren die Freude am Lernen, wie vielen StudentInnen fehlt es an Konzentration und sozialem Kontakt, wie viele zweifeln an ihrem Studium.
Wie kann man in solchen Zeiten ernsthaft in seiner Stube sitzen und darüber nachdenken, mit welchen Begriffen ein Kunstliterat im 17. Jahrhundert die Schönheit eines Gemäldes beschrieb? Wie kann man darüber grübeln, welche Vision ein deutscher Maler in Venedig dem Hl. Hieronymus gegenüberstellt? Welche Relevanz sollte es haben für unser tägliches Leben mit so gravierenden Herausforderungen? Wir fühlen uns Benno nahe, dem emigrierten Sohn einer jüdischen Familie aus Frankfurt, der im Roman von Silvia Tennenbaum („Straßen von gestern“, engl. Originalausgabe New York 1981, dt. Übersetzung München 2012, eine Leseempfehlung!) noch 1938 in Paris an einen Artikel über die „Neo-klassizistische Erneuerung“ schreibt. Seine kommunistische Tante Eva, die er dort trifft, wundert sich: Sie „war erstaunt, daß es noch Menschen gab, die durch die Straßen Europas wanderten und wissenschaftlichen Problemen nachgingen.“ (S. 507)
Wie können wir also unser wissenschaftliches Arbeiten und das Studium der Kunstgeschichte rechtfertigen in solchen Zeiten? Und müssen wir das überhaupt? Könnte man nicht auch sagen, die Situation hat sich nur verschärft? Müssen wir uns als KunsthistorikerInnen nicht ohnehin oft „rechtfertigen“ – vor KollegInnen aus anderen (naturwissenschaftlichen) Fächern, vor Eltern, Kindern, Verwandten und Freunden mit „systemrelevanten“, einfach zu erklärenden Berufen. Müssen wir unseren vermeintlichen Elfenbeinturm verteidigen, in dem wir uns auf die theoretischen Erörterungen über die Kunst zurückziehen, die dazu auch noch von vielen mit den „schönen Dingen“ gleichgesetzt wird?
Wenn es so wäre, und wir uns in der Abgeschiedenheit von den Schrecken der Welt abwenden und an den schönen Künsten ergötzen würden, wäre es weit gekommen. Aber so war und so ist die Kunstgeschichte noch nie gewesen. Natürlich kann einen das tiefe Grübeln über wissenschaftliche Fragen auch einen Schutzmantel bieten und in heftigen Phasen, in denen die Welt besonders chaotisch daherkommt, Halt und Sicherheit geben. Aber kein Studium und kein Lebensweg einer/s GeisteswissenschaftlerIn kommt ohne Krisen, in denen sie/er sich über die Ausrichtung und Ziele seines Forschens klarwerden muss. Dies soll hier geschehen.

Eine Welt ohne Kunst: Wenn ich mir Gedanken über den Sinn und Zweck meiner Tätigkeit mache, stelle ich mir kurz eine Welt ohne Kunst vor. Denn das wäre die letzte Konsequenz, wenn es keine WissenschaftlerInnen und KuratorInnen gäbe; wenn es niemanden gäbe, der sich damit beschäftigen würde, die Kunstschätze der damaligen und heutigen Gesellschaft zu bewahren, zu pflegen, zu dokumentieren, zu analysieren und zu interpretieren. Die Welt wäre arm, sehr arm und trostlos. Und damit meine ich nicht, dass sie weniger bunt und farbenfroh wäre, weniger „schön“ – das ohne Zweifel auch. Sie wäre vor allem leer und öde, reduziert auf das „Systemrelevante“, dringend Notwendige, ohne den Funken, der genau darüber hinaus geht; und wenn man die vielen Kunstwerke der Vergangenheit als Spiegel der damals lebenden Menschen ansieht – auch reduziert auf die eindimensionale Begegnung mit der Gegenwart.

Perspektiven: Denn aus der beobachtenden und analysierenden Beschäftigung mit der Vergangenheit entwickeln sich doch meist die Perspektiven für die Zukunft. Wir erfahren durch den Blick auf die Kunst der vergangenen Jahrhunderte viel von Wissensordnungen der damaligen Zeiten, von Qualitätsurteilen, von ästhetischen Vorstellungen, aber auch vom Krisenmanagement, von den persönlichen und gesellschaftlichen Reaktionen auf schwere Zeiten; seien es persönlich Sinnkrisen oder gesellschaftlich Umstürze. Dass man aus der Vergangenheit lernt, ist so leicht daher gesagt; aber man begreift im Feld der Kunst auf jeden Fall, dass sich die Menschen über die Bildwerke verständigten, selbst über Grenzen hinweg.

Neue Horizonte: Über die Erweiterung der Perspektiven öffnet der Umgang mit der Kunst auch neue Horizonte. Betrachtet man die Entwicklung der eigenen Kultur, versteht man die eigene Geschichte und die eigene Entwicklung, als Mensch und in der Gesellschaft. Und erst der Vergleich und die Begegnung mit anderen Kulturen lässt das „Eigene“ noch klarer hervortreten. Kunst fordert und fördert also auch den Austausch mit anderen und fördert die Kommunikation, eben gerade auch über die Reaktionen auf Krisenzeiten.

Austausch und Kommunikation: Wenn wir an die verlassenen Plätze in den Kunststätten dieser Welt denken, aber auch an die leeren Museen, wird uns klar, wie sehr die Kunst die Menschen braucht, und die Menschen die Kunst. Der Blick auf den leeren Petersplatz im März dieses Jahres hat mich erschüttert: Auf dem regennassen, menschenleeren Platz sprach Papst Franziskus das Gebet und den Segen. Die Fassade des Petersdoms, die Kolonnaden von Bernini, der Blick auf die Sixtinische Kapelle und auf die Vatikanischen Museen mit ihrem Reichtum an Kunstwerken, all‘ das blieb in seiner ganzen Schönheit und Erhabenheit ohne die Menschen stumm und leer. Wir hoffen sehr auf bessere Zeiten, in denen diese Plätze wieder belebt sind und die Künste den Menschen wieder umgeben, erbauen und trösten können. Viele große Ausstellungen, z.B. Raffael in Rom, öffneten nach der Aufhebung des wochenlangen Lockdowns in Italien auch nachts die Türen, und die mit Voranmeldung zu buchenden Tickets waren rund um die Uhr ausgebucht – man würde sich dieses Format für alle Museen und Ausstellungen wünschen, sobald die Pandemie es wieder möglich macht.

Seelennahrung: Die Menschen brauchen die Kunst, als Möglichkeit des Austauschs zwischen Kulturen, als Quelle der Erkenntnis im Lernen aus der Vergangenheit, als Anregung für den Geist, und schließlich, … als Seelennahrung. Manchmal – gerade in den Wochen, in denen der Zugang zu den Museen gesperrt war – bedankten sich Hörer der Vorlesung dafür, sich dadurch weiterhin mit der Kunst auseinandersetzen zu können; dies sei eine „Quelle der Inspiration! Und auch ganz einfach eine Freude!“ In diesem Zusammenhang fiel auch der Begriff der „Seelennahrung“: Es hat etwas Tröstliches zu sehen, dass die künstlerische Ausdruckskraft des Menschen selbst in großen Krisenphasen nicht versiegte. Und dass die Bilder manchmal besser in der Lage sind, die eigenen Gefühle und Gedanken darzustellen, als die eigenen Worte es könnten. Oder einfach als Ausdruck höchster oder idealer Schönheit die Hoffnung auf etwas geben, das über den Menschen hinausweist.
„Aus diesem Grunde bilden sich auch die edlen Maler und Bildhauer […] in der Vorstellung einen Begriff höherer Schönheit. Zu ihm blicken sie auf und verbessern die Natur in Form und Farbe, ohne Schuld auf sich zu laden. Diese Idee oder Göttin der Malerei und der Bildhauerei lüftet die Heiligen Schleier vom dem hohen Genie eines Dädalos oder Apelles. Sie enthüllt sich uns und schwebt herab auf Marmor und Leinwand. Aus der Natur erwachsen überwindet sie ihren Ursprung und macht sich zum Urbild der Kunst Gemessen mit dem Zirkel des Verstandes wird sie der Hand zum Maßstab und durch die Einbildungskraft beflügelt gibt sie dem Gebilde Leben.“[i] Giovan Pietro Bellori, Die Idee des Künstlers, 1672 (dt. Übersetzung von Kurt Gerstenberg 1939)

Labsal für die Seele: Und auch das Kunstschaffen selbst hatte vielleicht für manche Künstler therapeutische Wirkung: Eine Art Furor packte Johann Liss, wenn er in Schaffensrausch verfiel, er „verbrachte […] die ganze Nacht in Arbeit. Gegen Tag ruhete er ein wenig/ und fuhre wieder 2 oder 3 Tag und Nacht mit der Arbeit fort/ so daß er fast nicht geruhet/ noch Speise zu sich genommen“. Dem Autor dieser Zeilen, Joachim von Sandrart, gelang es nicht, den unsteten Lebenswandel des Malers, dessen nächtliches Leben jenseits der Arbeit dem strengen Calvinisten fremd war („blibe etliche Tag und Nacht/ weiß nicht wo/ aus“), zum Besseren zu wenden. Auch schaffte er es, als sein Freund und Mitbewohner in Venedig, nicht, ihn zum Weggang aus der Stadt zu bewegen: 1631 starb Johann Liss folglich jung, in einem Krankenhaus in Verona. Venedig hatte er zu spät verlassen; schon 1630 waren in der Stadt 47000 Menschen an der Pest gestorben, ein Drittel der Einwohner. Doch wenn wir uns die Gemälde von Liss anschauen, die nur kurze Zeit vor der großen Epidemie entstanden, möchten wir uns den Maler als einen glücklichen Menschen vorstellen, durchdrungen von der Energie seiner Malerei. Vielleicht bedeutete sie auch für ihn selbst einen Labsal für die Seele.

Johann Liss, Verzückung des Paulus, um 1627, Berlin, Gemäldesammlung Johann Liss, Inspiration des Hl. Hieronymus, um 1627, Venedig, San Nicola de Tolentino
Johann Liss, Verzückung des Paulus, um 1627, Berlin, Gemäldesammlung Johann Liss, Inspiration des Hl. Hieronymus, um 1627, Venedig, San Nicola de Tolentino


In seinen beiden Gemälden „Die Verzückung des Hl. Paulus“ (ca. 1627) und „Die Vision des Hl. Hieronymus“ (ca. 1628/29) blicken die beiden Protagonisten in einen Himmel, der dem dunklen Alltag eine Welt voller hell-pastelliger, leuchtender Farben entgegenhält. Große Engel begleiten sie und leiten die Blicke zur Himmelsvision: Mit einem Zeigegestus nach oben und einem beherzten Griff zur die Feder haltenden Hand des Heiligen wird Hieronymus von einem kräftigen Engel die Angst vor den Posaunen des Jüngsten Gerichts genommen (Matthäus-Evangelium, Kapitel 24, 31).[ii] Für den Heiligen Paulus schlägt der Engel einen schweren grünen Vorhang zur Seite, um ihm den Blick auf die Hl. Dreifaltigkeit frei zu geben. Dabei begleitet ihn die Musik der Engel, wie „unaussprechliche Worte, welche kein Mensch sagen kann“ (2. Brief des Paulus an die Korinther, 12, 1-4).
Und uns, dem Betrachter überhöht er durch die Komposition und die Malweise und Geschehen: Denn im Wechsel von verschwommenen Partien mit anderen, in denen die Konturen ganz klar gezogen sind, wird das Spiel mit Vision und Wirklichkeit aufgenommen. Die „Visionen“ der Heiligen werden für die Gläubigen nachvollziehbar, aber sie bleiben geheimnisvoll. Doch das eigentliche Staunen löst die Farb- und Lichtgestaltung aus: Die Farbe ist in weiten Partien flächig aufgetragen. Geradezu abstrakt wirken einzelne Felder wie die Wolke über Paulus, der effektvoll eine rosafarbene Fläche, wohl das Gewand eines der himmlischen Engel gegenübergestellt ist: Wenn Johann Liss, zwischen nächtlichen Abstürzen und tag bzw. nächtelangem Schaffensrausch ohne Schlaf und Nahrung, am Rande einer Pestepidemie, die Tausende von Toten forderte, in der Lage war, solch‘ berauschende Bilder zu malen, sollen sie uns als Labsal für die Seele dienen können.

Darum Kunstgeschichte! Kunstwerke spiegeln Sinnkrisen, reagieren auf Lebensumstände, die bedrohlich waren, hinterfragen Ordnungen und öffnen neue Horizonte.
Und eine (noch persönlichere) Stellungnahme: Meine Zweifel an der „Relevanz“ und der Bedeutung der Kunst(-geschichte) vergehen, wenn ich merke, dass die TeilnehmerInnen in einem Seminar ganz eintauchen in die Fragen, die aufgeworfen, und die Themen, die besprochen werden. Wenn sie sich begeistern lassen für die Kunstwerke, die man gemeinsam betrachtet, wenn sie aber auch lernen, diese Begeisterung zu reflektieren und ihre Urteile – mit Blick auf die vielen Bewertungskategorien, die im Verlaufe der Kunstgeschichte entwickelt wurden – genau begründen zu können. Und wenn sie selbst immer weniger daran zweifeln, dass es „relevant“ ist, sich mit der Kunst zu beschäftigten.

[i] „Aus diesem Grunde bilden auch die vornehmen Maler und Bildhauer […] in ihrem Geist ein Modell von höherer Schönheit aus, und indem sie diese betrachten, verbessern sie die Natur ohne Verfehlungen in Farbe und Umriss. Diese Idee, oder besser Göttin der Malerei und der Bildhauerei offenbart sich uns, sobald die heiligen Schleier von den großen Begabungen eines Daedalus oder Apelles gelüftet werden, und schwebt auf Marmor und Leinwände hernieder. Hervorgegangen aus der Natur überwindet sie ihren Ursprung und macht sich zum Vorbild der Kunst. Vermessen vom Zirkel des Verstandes wird sie Maßstab der Hand; und beseelt von der Einbildungskraft verleiht sie dem Bild Leben.“
[ii] „Und er wird seine Engel senden mit hellen Posaunen, und sie werden seine Auserwählten sammeln von den vier Winden, von einem Ende des Himmels bis zum andern.“

 

 

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