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Wilhelm-Vöge-Archiv in Freiburg

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Wilhelm Vöge ist den meisten als Lehrer Erwin Panofskys bekannt. Bei ihm hörte der angehende Doktorand Vorlesungen über Dürer, über gotische Skulptur in Frankreich und über die Bildwerke der italienischen Renaissance. Außerhalb Deutschlands kennen die wenigsten Vöges ‚opus magnum’ Die Anfänge des Monumentalen Stiles im Mittelalter aus dem Jahr 1894 oder die von Panofsky mit einem ebenso lebensvollen wie liebevoll verehrenden Vorwort begleitete Aufsatzsammlung Bildhauer des Mittelalters. Gesammelte Studien von Wilhelm Vöge, Berlin 1958. In andere Sprachen ist nur Weniges übersetzt worden: Teile der Anfänge des monumentalen Stiles sowie Vöges wichtiger Aufsatz über «Bahnbrecher des Naturstudiums um 1200».

Es war das Verdienst von Louis Grodecki, Willibald Sauerländer und Martin Gosebruch, immer neu an die fomanalytische Meisterschaft und die kunstgeschichtliche Weitsicht Vöges zu erinnern. Kathryn Brush's Buch The Shaping of Art History. Wilhelm Vöge, Adolph Goldschmidt, and the study of Medieval Art, Cambridge 1996, und ein Vöge-Symposium der Universität Freiburg i.B. (2003) aus Anlass von Vöges 50. Todestag haben sich mit seiner Person, seinem Werk und seiner kunsthistoriographischen Position befasst. Was Jacob Burckhard für die italienische Renaissance geleistet hat, Wilhelm von Bode für die Malerei Hollands, das hat - zumindest aus deutscher Sicht - Wilhelm Vöge für die gotische Skulptur Frankreichs getan.

1868 in Bremen geboren, promovierte Vöge 1891 bei Hubert Janitschek in Strassburg über ottonische Buchmalerei Eine deutsche Malerschule um die Wende des ersten Jahrtausends, eine Arbeit (erschienen: Trier 1891), mit der die Reichenauer Buchmalerei gleichsam entdeckt wurde. Vier Jahre später habilitierte sich Vöge mit einer kurzen Abhandlung über Raffael und Donatello, um dann von 1897 bis 1910 als Kustos der Berliner Museen- Skulpturenabteilung unter Wilhelm von Bode tätig zu sein. 1909 wurde er auf den neueingerichteten Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i.B. berufen. Seine Lehrtätigkeit war nur von kurzer Dauer: 1917 demissionierte er wegen Schlaflosigkeit und Nervenzerrüttung (angeblich hervorgerufen durch die Beschießung der Kathedrale von Reims) und zog sich nach Ballenstedt im Harz zurück. Dort arbeitete er - mit beschränkten wissenschaftlichen Hilfsmitteln - über spätgotische Bildhauer, wie Niclas Hagnower (Freiburg i.B., 1930) und Jörg Syrlin den Älteren (nur Bd. 2 ist erschienen, Berlin 1950). Am 30. Dezember 1952 schied er aus dem Leben.

Seinen schriftlichen Nachlass hatte Vöge dem Landesamt für Denkmalpflege Sachsen-Anhalt in Halle vermacht, die Bibliothek, die Kunstwerke und die Photographien jedoch seinem alten Freiburger Institut. Der Nachlass in Halle blieb bis 1989 nahezu unzugänglich. In den vergangenen Jahren jedoch konnten dank dem Entgegenkommen des Leiters des Denkmalamtes in Halle und der Bemühungen von Prof. Dr. Dr. h.c. Ernst Schubert in Naumburg alle Teile des Vöge'schen Nachlasses in Freiburg zusammengeführt, geordnet und in einem eigenen Archivraum der wissenschaftlichen Nutzung zugänglich gemacht werden. Schenkungen der Nichten und Neffen sowie einstiger Briefpartner Vöges (Adolph Goldschmidt, Erwin Panofsky u.a.) runden diese Bestände ab.

Die systematische Erfassung der Bestände des Archivs ist abgeschlossen. Der Umfang des Materials beträgt etwa 28 laufende Meter. Darin enthalten sind die Kolleghefte zu den Vorlesungen und Seminaren Vöges an der Freiburger Universität: Italienische Plastik (1912), Italienische Renaissance (1912 - näher in den Blick zu nehmen wären hier die Ausführungen zu den Fassadenprojekten für S. Lorenzo in Florenz), Gotik (1914), Albrecht Dürer (1914), Altniederländische Malerei (1914/15) sowie Raffael (1915).

Das Archiv ermöglicht die Rekonstruktion der wissenschaftlichen Arbeitsweise von Wilhelm Vöge. Auf seinen Studienreisen notierte er Beobachtungen und fertigte mitunter recht qualitätvolle Bleistiftzeichnungen, darin seinem Freund und Kollegen Adolph Goldschmidt vergleichbar. Als eigenständiges Konvolut haben sich umfangreiche Exzerpte und Notizen zu Handschriften der Bibliothèque Nationale de France in Paris erhalten. Sie entstanden während seiner Frankreichreisen der Jahre 1892 bis 1894 und zeigen, dass sich Vöge nach wie vor mit Buchmalerei beschäftigt hat.

Die Formulierungen der Aufzeichnungen sind zum Teil druckreif; Vöge zerschnitt dann offenbar häufig seine Notizhefte, um die Sätze in großformatige Bögen einzukleben. Hier fügte er zusätzlichen Text ein, und so entstanden nach und nach die Publikationen - ein Aufsatz oder ein Buch. Die großformatigen, gefaltet ineinander gelegten Bögen liegen in Arbeitsmappen, die auch einen Teil seiner Korrespondenz sowie Fotografien enthalten.

Vöge war einer der ersten Kunsthistoriker, die in großem Umfang selbst fotografierten. Von bleibendem Wert sind die Fotos der Kathedralen von Chartres und Reims, aufgenommen vor den Zerstörungen im ersten Weltkrieg. Sie werden nach und nach über “Foto Marburg” verfügbar sein, zudem ist geplant, sie auf CD-Rom zu veröffentlichen. Die qualitätvollen, zum Teil großformatigen Fotografien zeigen vor allem die Skulpturen der Bauten und sind vornehmlich vom Gerüst aufgenommen. Darüber hinaus kaufte Vöge in großem Umfang Abbildungen. Auf den Rückseiten notierte er dann, ob weitere, unter Umständen passendere Fotografien existieren. Über das Thema “mittelalterliche Skulptur und Fotografie” plante Vöge einen eigenen Aufsatz, hierzu sind im Freiburger Archiv die vorbereitenden Notizen erhalten.

Wilhelm Vöge hat mit nahezu allen wichtigen Kunsthistorikern korrespondiert, besonders intensiv, nachdem er sich 1917 von seinem Freiburger Ordinariat nach Ballenstedt zurückgezogen hatte. Im Gegensatz etwa zu Aby Warburg hat er von seinen eigenen Briefen keine Kopien angefertigt, immerhin hat Vöge mitunter die Entwürfe aufbewahrt. Von französischen Kollegen schrieben ihm, soweit im Archiv erhalten, Marcel Aubert (1884-1962), Paul Vitry (1872-1941), André Michel (1853-1925), Albert Marignan (1858-1936), Raymond Koechlin, Camille Enlart (1862-1927), Georges Durand (1855-1942) und Henri L. Joly, der ihn darauf aufmerksam machte, dass er seinen Namen in der Einleitung zu den Anfängen des monumentalen Stiles im Mittelalter zweifach falsch schrieb. Es handelt sich dabei um klassische Gelehrtenkorrespondenz, etwa den Dank für Sonderdrucke, Besprechungen, die Bitte um Literaturhinweise oder Abbildungen. Mit Paul Vitry diskutiert er den Anteil der Arbeiten Michel Colombes an den Grabmälern in Brou; Vitry lädt ihn darüber hinaus am 13. März 1908 ein, im Bulletin des Musées über eine Zuschreibung an Konrad Meit im Cluny-Museum zu publizieren. Mit Enlart wird zu den Zeiten, als Vöge Mitarbeiter der Berliner Museen ist, über den Austausch von Gipsabgüssen verhandelt.

Der Bestand verdient eine eingehendere Beschäftigung, nicht zuletzt um den Austausch zwischen deutschen und französischen Kunsthistorikern zwischen 1890 und 1920 beispielhaft zu erhellen. Nachdem deutsche Truppen im ersten Weltkrieg die Kathedrale von Reims durch Granat- und Mörserbeschuss schwer beschädigt haben - ein einschneidender Schock auf deutscher Seite vor allem für die Mediävisten - hat Wilhelm Vöge nie wieder über französische Kunst publiziert. Er selbst schreibt darüber 1945, “dass ihm die Erinnerung für Frankreich und das Französische gänzlich verflogen war.” An der Unterschriftenaktion der 93 deutschen Wissenschaftler, die die schwerwiegenden Zerstörungen an der Reimser Kathedrale für militärisch gerechtfertigt hielten, hat sich Vöge nicht beteiligt. Émile Mâles Buch L’Art allemand et l’art français du moyen âge von 1917 hat er zwar ausführlich studiert, sich aber trotz der Bitten von Paul Clemen nicht dazu entscheiden können, an der deutschen Übersetzung und der Gegendarstellung mitzuwirken. Die französische Korrespondenz endet nach dem ersten Weltkrieg; lediglich mit Marignan, den er seit frühen Zeiten kannte, werden noch Briefe gewechselt.

Ein ungehobener Schatz im Freiburger Archiv ist das geplante Buch von Wilhelm Vöge Die Bildwerke der Kathedralen von Reims und Amiens. Es liegt vollständig in einem in den frühen sechziger Jahren erstellten Typoskript vor. Die Vorbereitungen zum Buch begannen gegen 1903, bis circa 1929 arbeitete Vöge an dem Text und wollte ihn nach Abschluss seiner Studien über die spätgotische Skulptur in Deutschland offenbar auch veröffentlichen. Die vorbereitenden Arbeitsmappen sind mitunter gehaltvoller als der Text selbst. Sie enthalten Notizen zum Thema “Bauhütten etc., Architekten, Steinmetzen etc.”; wichtig sind Vöges Bemerkungen zum “Architekten als Unternehmer” oder “Steinmetzen als Spezialisten”. Weitere unpublizierte Manuskripte handeln von den “Skulpturen des Chartreser Querschiffes in ihren Beziehungen zu den anderen Schulen”, von Peter Parler, Jörg Syrlin und Michelangelo.

Mit dem Freiburger Vöge-Archiv ist zu den bekannten kunsthistorischen Nachlassarchiven – dem Jacob Burckhardts im Basler Staatsarchiv oder dem Wilhelm Worringers im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg – ein weiteres hinzugekommen. Nicht nur die kunstgeschichtliche Herkunft Erwin Panofskys lässt sich dort genauer rekonstruieren, sondern auch die kurzlebige Anfangszeit einer eindringlichen deutschsprachigen Erforschung der mittelalterlichen Skulptur Frankreichs, die an Stilgeschichte und Formanalyse ebenso interessiert war, wie an dem Wissen, den Wegen, dem Wollen und dem Können der gotischen Bildhauer.

 

 

 

Literatur: Wilhelm Vöge und Frankreich, hrsg. von Wilhelm Schlink, Frankreich-Zentrum der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (Journées d’Etude 2), Freiburg i.B., 2004
ISBN 3-00-012900-6

 

 

 

 

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